"Mit dieser Welt gibt es keine Verständigung;
Wir gehören ihr nur in dem Maße an, wie wir
uns gegen sie auflehnen!"

  • 11th
  • August
  • 2014

Frauen und Kinder zuerst.

(…) Disturbing images sind zur Massenware geworden, deren Verbreitung zur Abstumpfung geführt hat, so dass die Medien ihrer Kundschaft immer härteren Stoff servieren müssen, damit diese überhaupt noch ­etwas empfindet. Es gilt die Regel: Frauen und Kinder zuerst. Greise und Behinderte verkaufen sich nämlich nicht so gut. Aber auch für Kinder ist die Spanne der Aufmerksamkeit kurz. Erinnern Sie sich noch an das nach ­einem Giftgasangriff um Luft ringende Kleinkind in Saraqeb? Sieht man davon ab, dass das patriarchale Klischee des Mannes als Beschützer der die Zukunft des Volkes verkörpernden Mütter und Kinder reproduziert wird und heutzutage auch ohne disturbing images jeder wissen sollte, dass Krieg keine klinisch saubere Angelegenheit ist, bleibt die Frage der Auswahl durch die Medien und ihre Nutzer. Kongolesische und somalische Kinder sind derzeit nicht im Angebot, aber wenn Gaza Sie zu langweilen beginnt – in der Zentralafrikanischen Republik sind wieder Journalisten unterwegs. (…)

Jörn Schulz - Was kümmert mich der Dax / Jungle World Nr. 32, Inland

  • 29th
  • Juli
  • 2014

Gott schütze Israel vor seinen Feinden und bewahre es vor seinen “Freunden”.

(…) Was übrig bleibt, sind ein paar verstreute jüdische Gemeinden und ihre Freunde, die sich dagegen wehren und in und gegen eine Umgebung leben, die von Tag zu Tag aggressiver und vor allem direkter mit ihren Drohungen wird, indem sie ihre Schlinge immer enger zieht.
Was übrig bleibt, ist die Entscheidung, einen Schluss- und Trennstrich zu ziehen zwischen denen, die heute (egal aus welchen Gründen) keine praktische Solidarität mit Israel und mit den hier lebenden Jüdinnen und Juden üben und denen, die ohne wenn und aber gegen die für die Jüdischen Gemeinden bedrohlich gewordene Situation vorgehen. Dazwischen gibt es nichts!
Resultat des Holocaust waren drei Ereignisse: Das entscheidende und alles überragende war die Vernichtung von 6 Millionen Jüdinnen und Juden. Es gab auch 2 weitere Resultate: Der Wiederaufbau des Staates der Täter, der BRD und die Gründung des Staates der Opfer, Israel, des Zufluchtsorts der Opfer. Dieses letztgenannte Resultat ist und bleibt für die Deutschen aller Couleur die einzige, die beständige und ausschlaggebende Grundlage (für diejenigen, die so was brauchen), um ohne gesonderte Begründungsverstärker praktische Solidarität mit dem Zufluchtsort der Opfer und deren Nachkommen zu üben. Dabei ist es völlig egal, welche Politik die jeweilige Israel-Regierung verfolgt.
Es ist inakzeptabel und verwerflich, dass als Begründung für Solidarität mit Israel die Vorzüge der israelischen Gesellschaft - als eine demokratische, liberale und gegenüber Minderheiten tolerante - hervorgehoben werden. Ob die Israelis die richtige oder die falsche Staatsform ausgewählt haben, ob sie die bessere oder schlechtere Einstellung zu Minderheiten haben, spielt in Zusammenhang mit der Haltung zu diesem Staat absolut keine Rolle, es darf keine Rolle spielen. (…)

Café Morgenland / Frankfurt am Main, den 12.04.2002

  • 27th
  • Juli
  • 2014

Allein unter Deutschen.

(…) Es gibt diejenigen, die nie im Leben nach Deutschland reisen würden, weil sie denken, dort sind alle Nazis. Und dann diejenigen, die davon träumen, nach Berlin zu ziehen. Von denen fragen mich viele, was ich davon halte. (…) Ich rate ihnen ab. Ich sage: Geht nicht nach Berlin, außer ihr steht darauf, an einem Ort zu leben, an dem man denkt, Israel sei das schlimmste Land der Welt. Dann geht ruhig nach Berlin. (…)

- Tuvia Tenenbom

Ingo Way / Jüdische Allgemeine - Bleibt lieber in Israel!, 24.07.2014

  • 9th
  • Juli
  • 2014
Hamas feuert Raketen auf Jerusalem ab.Es sind die heftigsten Kämpfe seit 2012. Militante Palästinenser feuern Raketen auf Jerusalem und Tel Aviv ab. Israels Ministerpräsident Netanjahu lässt Vorbereitungen für eine Bodenoffensive treffen.
Im eskalierten Nahost-Konflikt hat die Hamas erstmals seit langem Tel Aviv, Jerusalem und andere israelische Großstädte mit Raketen beschossen. Nach israelischen Angaben schlug am Dienstagabend mindestens eine von radikalen Palästinensern aus dem Gazastreifen abgefeuerte Rakete in einem Haus in Jerusalem ein. Dabei sei niemand verletzt worden, hieß es auf israelischer Seite. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wies die Armee an, auch Vorbereitungen für eine Bodenoffensive im Gazastreifen zu treffen.
Insgesamt wurden nach israelischen Angaben am Abend in kurzer Folge etwa 40 Raketen mit größerer Reichweite abgefeuert. Auch in Ortschaften nördlich der Küstenmetropole Tel Aviv heulten die Sirenen. Die beiden wichtigsten israelischen Städte waren zuletzt im November 2012 mit Raketen angegriffen worden. Die Hamas bekannte sich am Dienstagabend zu Angriffen auf die Städte Haifa, Tel Aviv, Jerusalem und Aschdod.
Bei einer israelischen Offensive im Gazastreifen und einem Angriff militanter Palästinenser in Israel waren zuvor am Dienstag mindestens 21 Menschen getötet worden. Mehr als 100 Menschen wurden binnen weniger Stunden verletzt.
USA verurteilen Angriffe der Palästinenser.
Unter zehn getöteten Zivilisten seien auch fünf Kinder, teilte der Sprecher der Rettungsdienste, Aschraf al-Kidra, am Dienstag in Gaza mit. Die restlichen sechs Getöteten seien Kämpfer der Gruppierungen Hamas und Islamischer Dschihad gewesen. Der bewaffnete Arm der Hamas kündigte eine “überraschende Ausweitung unserer Attacken” an.
Die USA verurteilten die Raketenangriffe militanter Palästinenser. Israel habe ein Recht auf Selbstverteidigung, sagte US-Regierungssprecher Josh Earnest am Dienstag. Earnest zeigte sich zugleich besorgt über die Sicherheit von Zivilisten auf beiden Seiten.
UN-Generalsekretär Ban Ki-moon forderte die Konfliktparteien zu größtmöglicher Zurückhaltung auf. Die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten mache ihn sehr besorgt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier warnte vor einer militärischen Konfrontation, die völlig außer Kontrolle geraten könnte.
Israel mobilisiert Reserveoffiziere.
Auslöser der jüngsten Runde der Gewalt waren die Entführung und die Ermordung von drei jüdischen Teenagern am 12. Juni sowie der mutmaßliche Rachemord an einem palästinensischen Jugendlichen in der vergangenen Woche. Israel ist seit der Entführung massiv gegen die Infrastruktur der Hamas im Westjordanland vorgegangen und hat Hunderte Mitglieder der Organisation festgenommen.
Nach Angaben des israelischen Militärsprechers Arye Shalicar hat die Armee die Mobilisierung von bis zu 40.000 Reservesoldaten bewilligt. Ministerpräsident Netanjahu kündigte an, im Kampf gegen die Hamas sei es an der Zeit, “die Samthandschuhe auszuziehen”.
Israel will mit der Operation “Zuk Eitan” (Fels in der Brandung) den ständigen Raketenbeschuss seiner Ortschaften unterbinden. Die israelische Armee teilte am Nachmittag mit, bislang habe die Luftwaffe 150 “Terror-Ziele” im Gazastreifen angegriffen. Nach palästinensischen Angaben wurden auch ranghohe Hamas-Aktivisten getötet, darunter der Marinekommandeur Raschid Jassin. Seit Beginn der israelischen Luftoffensive seien von palästinensischer Seite etwa 130 Raketen auf israelische Ortschaften abgefeuert worden.
Angriff auf israelische Militärbasis.
Bei einem Angriff auf eine israelische Militärbasis nördlich des Gazastreifens wurden am Abend fünf militante Palästinenser getötet. Der israelische Rundfunk meldete, ein Soldat sei bei Schusswechseln leicht verletzt worden. Die Palästinenser seien offenbar von der See aus gekommen und hätten versucht, in die Basis Zikim einzudringen. Der bewaffnete Arm der Hamas habe sich zu der Tat bekannt.
Auswirkungen des Konflikts bekamen auch 2700 Passagiere und Besatzungsmitglieder des deutschen Kreuzfahrtschiffes “Aida Diva” zu spüren. Beim Auslaufen aus dem israelischen Hafen von Aschdod etwa 30 Kilometer nördlich des Gazastreifens fielen am Montagabend Raketensplitter auf das Deck. Die Kreuzfahrtreederei will bis auf weiteres israelische Häfen meiden.
Die Hamas hatte bereits am Montagabend Dutzende Raketen auf Israel abgefeuert. Zahlreiche Raketen seien vom Abwehrsystem “Iron Dome” abgefangen worden. Insgesamt verfügt Hamas nach israelischen Angaben über etwa 10.000 Raketen mit Reichweiten bis etwas nördlich von Tel Aviv.
Dpa / Die Welt - Hamas feuert Raketen auf Jerusalem ab / Nahost-Konflikt, 08.07.2014

Hamas feuert Raketen auf Jerusalem ab.

Es sind die heftigsten Kämpfe seit 2012. Militante Palästinenser feuern Raketen auf Jerusalem und Tel Aviv ab. Israels Ministerpräsident Netanjahu lässt Vorbereitungen für eine Bodenoffensive treffen.
Im eskalierten Nahost-Konflikt hat die Hamas erstmals seit langem Tel Aviv, Jerusalem und andere israelische Großstädte mit Raketen beschossen. Nach israelischen Angaben schlug am Dienstagabend mindestens eine von radikalen Palästinensern aus dem Gazastreifen abgefeuerte Rakete in einem Haus in Jerusalem ein. Dabei sei niemand verletzt worden, hieß es auf israelischer Seite. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wies die Armee an, auch Vorbereitungen für eine Bodenoffensive im Gazastreifen zu treffen. Insgesamt wurden nach israelischen Angaben am Abend in kurzer Folge etwa 40 Raketen mit größerer Reichweite abgefeuert. Auch in Ortschaften nördlich der Küstenmetropole Tel Aviv heulten die Sirenen. Die beiden wichtigsten israelischen Städte waren zuletzt im November 2012 mit Raketen angegriffen worden. Die Hamas bekannte sich am Dienstagabend zu Angriffen auf die Städte Haifa, Tel Aviv, Jerusalem und Aschdod.
Bei einer israelischen Offensive im Gazastreifen und einem Angriff militanter Palästinenser in Israel waren zuvor am Dienstag mindestens 21 Menschen getötet worden. Mehr als 100 Menschen wurden binnen weniger Stunden verletzt.

USA verurteilen Angriffe der Palästinenser.

Unter zehn getöteten Zivilisten seien auch fünf Kinder, teilte der Sprecher der Rettungsdienste, Aschraf al-Kidra, am Dienstag in Gaza mit. Die restlichen sechs Getöteten seien Kämpfer der Gruppierungen Hamas und Islamischer Dschihad gewesen. Der bewaffnete Arm der Hamas kündigte eine “überraschende Ausweitung unserer Attacken” an.
Die USA verurteilten die Raketenangriffe militanter Palästinenser. Israel habe ein Recht auf Selbstverteidigung, sagte US-Regierungssprecher Josh Earnest am Dienstag. Earnest zeigte sich zugleich besorgt über die Sicherheit von Zivilisten auf beiden Seiten.
UN-Generalsekretär Ban Ki-moon forderte die Konfliktparteien zu größtmöglicher Zurückhaltung auf. Die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten mache ihn sehr besorgt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier warnte vor einer militärischen Konfrontation, die völlig außer Kontrolle geraten könnte.

Israel mobilisiert Reserveoffiziere.

Auslöser der jüngsten Runde der Gewalt waren die Entführung und die Ermordung von drei jüdischen Teenagern am 12. Juni sowie der mutmaßliche Rachemord an einem palästinensischen Jugendlichen in der vergangenen Woche. Israel ist seit der Entführung massiv gegen die Infrastruktur der Hamas im Westjordanland vorgegangen und hat Hunderte Mitglieder der Organisation festgenommen.
Nach Angaben des israelischen Militärsprechers Arye Shalicar hat die Armee die Mobilisierung von bis zu 40.000 Reservesoldaten bewilligt. Ministerpräsident Netanjahu kündigte an, im Kampf gegen die Hamas sei es an der Zeit, “die Samthandschuhe auszuziehen”.
Israel will mit der Operation “Zuk Eitan” (Fels in der Brandung) den ständigen Raketenbeschuss seiner Ortschaften unterbinden. Die israelische Armee teilte am Nachmittag mit, bislang habe die Luftwaffe 150 “Terror-Ziele” im Gazastreifen angegriffen. Nach palästinensischen Angaben wurden auch ranghohe Hamas-Aktivisten getötet, darunter der Marinekommandeur Raschid Jassin. Seit Beginn der israelischen Luftoffensive seien von palästinensischer Seite etwa 130 Raketen auf israelische Ortschaften abgefeuert worden.

Angriff auf israelische Militärbasis.

Bei einem Angriff auf eine israelische Militärbasis nördlich des Gazastreifens wurden am Abend fünf militante Palästinenser getötet. Der israelische Rundfunk meldete, ein Soldat sei bei Schusswechseln leicht verletzt worden. Die Palästinenser seien offenbar von der See aus gekommen und hätten versucht, in die Basis Zikim einzudringen. Der bewaffnete Arm der Hamas habe sich zu der Tat bekannt.
Auswirkungen des Konflikts bekamen auch 2700 Passagiere und Besatzungsmitglieder des deutschen Kreuzfahrtschiffes “Aida Diva” zu spüren. Beim Auslaufen aus dem israelischen Hafen von Aschdod etwa 30 Kilometer nördlich des Gazastreifens fielen am Montagabend Raketensplitter auf das Deck. Die Kreuzfahrtreederei will bis auf weiteres israelische Häfen meiden.
Die Hamas hatte bereits am Montagabend Dutzende Raketen auf Israel abgefeuert. Zahlreiche Raketen seien vom Abwehrsystem “Iron Dome” abgefangen worden. Insgesamt verfügt Hamas nach israelischen Angaben über etwa 10.000 Raketen mit Reichweiten bis etwas nördlich von Tel Aviv.

Dpa / Die Welt - Hamas feuert Raketen auf Jerusalem ab / Nahost-Konflikt, 08.07.2014

  • 7th
  • Juli
  • 2014

Unser hochgepriesenes “Internet-Zeitalter” bewirkt rein gar nichts! Heute in Kreuzberg, vor den Toren des schon seit Längerem zum Kampfgebiet erklärten Görlitzer-Parks, tobt die Staatsgewalt! Nach der Anti-Räumungs-Demo der Hauptmann-Schule, begeben sich viele der Teilnehmer in die Grünanlage, wo die Situation eskaliert. Man kann in diversen Videos, welche nur Sekunden danach in den einschlägigen sozialen Netzwerken kursieren, alles bis ins kleinste Detail nachverfolgen und überprüfen - und es handelt sich hierbei nicht um ein zusammengeschustertes Verschwörungsvideo mit theatralisch untermalter Musik, sondern um Bilder, wie sie objektiver nicht sein könnten und sich auch aus keinem Kontext herausreißen ließen, der die gezeigte Gewalt auch nur im Ansatz relativieren könnte -, trotzdem wird sich dadurch wieder einmal gar nichts ändern. Wieder einmal wird es mit großer Wahrscheinlichkeit keine klare Einsicht der zuständigen Behörden geben, keine Änderungen in der Politik und wohl auch kaum Eingeständnisse in der persönlichen Orientierung von nicht direkt involvierten Schaulustigen aus dem Kommentarspalten-Milieu. Die “Generalproben” gab’ es bereits alle: ob nun ein nackter und sichtlich verwirrter Mensch mitten in Berlin quasi live (sic!) von der Polizei getötet, oder ein ganzer Demonstrationszug, welcher für ein Bleiberecht der Lampedusa-Geflüchteten in Hamburg demonstriert, ohne Grund von mehreren Hundertschaften verprügelt wird; es bleibt nicht alles weiterhin nur beim ohnmächtigen und gewissenlosen Zuschauen, sondern es ist noch viel schlimmer: wobei die eigene Gewissheit durch die Transparenz die man auf “YouTube” und Co. dargeboten bekommt, nur als Verstärker der eigenen Ohnmacht dient und das Erlangen einer neuen Freiheit durch die Aneignung der neuen Medien zur Überwindung der räumlichen Distanzen gleichzeitig vollkommen ohne äußeres Zutun eingedämmt wird.
Was könnte einem mehr Angst bereiten als das?

  • 3rd
  • Juli
  • 2014
  • 1st
  • Juli
  • 2014

Hashtags alleine retten keine Entführungsopfer.

Die Terrororganisation Boko Haram entführt Kinder vor den Augen ihrer Eltern, sie verschleppt Mädchen aus Schulen, sie treibt ganze Dorfgemeinschaften zusammen und ermordet sie. Sie hat keine Empathie mit ihren Opfern. Ihre islamistischen Mitglieder wähnen sich ihrem Gott nie näher als in den Momenten, in denen sie die Kehle eines “Ungläubigen” aufschlitzen. Vor knapp zwei Monaten entführte Boko Haram über 200 Schülerinnen, weil sie es als Verbrechen ansieht, dass Mädchen Bildung erhalten. Nach dieser Entführung nahm die Welt zum ersten Mal Notiz von diesen Terroristen, die in Nigeria seit Jahren morden und vergewaltigen. Sofort kam es unter dem Hashtag #BringBackOurGirls zu einer Solidarisierungswelle mit den Kindern. Sogar Michelle Obama postete ein Foto von sich, wie sie diesen Hashtag mit flehendem Blick in die Kamera hält. Vermutlich kann man Gotteskriegern, die sich in einem apokalyptischen Kampf gegen den Westen sehen, keine größere Genugtuung bereiten, als eine bettelnde First Lady. Und mehr hat die Hashtag-Kampagne auch nicht gebracht, außer dieser Wichsvorlage für eine Armee aus nigerianischen Breiviks.
Vor zwei Wochen nun wurden drei israelische Teenager von Hamas-Aktivisten entführt. Um auf diese Entführung aufmerksam zu machen, setzte sich der Hashtag #BringBackOurBoys durch. Auch deutsche Medien griffen die Entführung und den Hashtag auf, um beides zu relativieren. Die Entführung spiele Benjamin Netanjahu in die Hände, die israelische Armee nutze die Gunst der Stunde, um gegen die Palästinenser vorzugehen und überhaupt hätte die Hamas mit so einer Entführung doch gar nichts zu gewinnen (es wäre wohl zu viel verlangt, wenn man ausgerechnet in Deutschland wüsste, dass Antisemitismus kein sonderlich rationaler Antrieb ist.) Kurzum: Das Maß an Empathielosigkeit war beeindruckend, aber nicht wirklich überraschend. Viel mehr erstaunt hat, mit was für einer Wut der Hashtag #BringBackOurBoys kritisiert wird. Die ZEIT beispielsweise musste in dem ausführlichen Artikel “BringBackOurBoys lenkt nur ab” unbedingt erläutern, warum diese Kampagne nicht mit #BringBackOurGirls verglichen werden darf. Der Hauptvorwurf lautet: “Die israelische Armee deutet mit dem Slogan #bringbackourboys die größte Militäroffensive seit Jahren zur Befreiungsaktion um.”
Solche Artikel sagen über zwei Dinge alles aus. Zum einen darüber, mit was für einer Herzenskälte auf Tragödien reagiert wird, die dem “engen Freund” Israel widerfahren. Zum anderen aber auch, wie egal deutschen Journalisten die entführten Mädchen in Nigeria sind. Man berichtet zwar gerührt von dieser blitzsauberen PR-Kampagne, als deren Gesicht sich die First Lady zur Verfügung stellt, aber schmutzig machen will man sich trotzdem nicht. Wenn der Hashtag #BringBackOurGirls die Boko Haram-Terroristen nicht in die Knie zwingt, dann halt nicht. Mehr kann und will man nicht versuchen. Der eigentliche Skandal und Unterschied zwischen diesen beiden Hashtag-Kampagnen ist doch, dass in Israel tatsächlich versucht wird, die Jugendlichen zu finden, während für die Schulmädchen aus Nigeria keine “größte Militäroffensive seit Jahren” durchgeführt wird. Ein griffiger Hashtag befreit keine Menschen, das muss dann doch noch in der realen Welt passieren. In dieser schmutzigen Realität jenseits von retweeten, liken und posten. Also da, wo Israel gerade trotz internationaler Kritik drei Jugendliche sucht, die von einer Terrororganisation entführt wurden bzw. da, wo gerade Hunderte traumatisierte Mädchen von einer Terrororganisation entführt wurden, nach denen unter großer öffentlicher Anteilnahme niemand sucht.

Gideon Böss - Hashtags alleine retten keine Entführungsopfer / Böss in Berlin, 29.06.2014

  • 27th
  • Juni
  • 2014
  • 23rd
  • Juni
  • 2014

In der Kreide.

Konsumkritiker und Tierrechtler greifen zu immer regressiveren Protestformen.
Ungefähr zu Beginn der Occupy-Bewegung muß es gewesen sein, da hatte die Revolution keine Lust mehr, laut und eindrücklich für sich zu werben. Statt auf Hauswände wurde auf labbrige Pappkartons gemalt, statt Radiostationen zu kapern, wurden selbst Megaphone vom Gelände verbannt – Protest auf Steinzeitniveau. Die Banker, die täglich am Occupy-Camp Frankfurt vorbeiliefen, kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus, wenn sie mit ihren ultramodernen Telefonsystemen Handzettel und Basteleien aus Alufolie fotografierten. Die Veranstalter waren mächtig stolz darauf, nicht auf fiese Konsumprodukte angewiesen zu sein; die Ordnungshüter dankbar, daß ihr die Bewegung nicht die technische Überlegenheit streitig machte.
Doch geht es immer noch einen Zacken regressiver – von der Steinzeit in die Kreidezeit. Seit einiger Zeit laufen durch großdeutsche Innenstädte Aktivisten, die ihre Botschaften mit der geringstmöglichen Halbwertszeit ausstatten – und sie mit Kreide hinterlassen. Den meisten von ihnen geht es um Konsumkritik, besonders um Fleischverzehr, anderen, schon etwas abgefahreneren, um eine strengere Ahndung von Tiersex; ihnen allen aber ist gemein, daß sie dabei nicht mit der Staatsmacht in Konflikt kommen wollen. Denn mit Kreide fremdes Eigentum zu bemalen ist legal – lediglich wer das “Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert” (§303 StGB), kann wegen Sachbeschädigung belangt werden. In den Internetforen, die diese Form des Aktivismus organisieren, bildet man sich auf die eigene Unerheblichkeit einiges ein – und feiert dabei Helden.
Wie jene in Frankfurt, wo es seit Herbst 2013 praktisch keinen größeren öffentlichen Ort gab, an dem nicht die Botschaft “earthlings.com” gelesen werden konnte – meist in Kombination mit rätselhaften Mitteilungen wie “unreine Haut? -> Östrogenbombe Milchprodukte”, “Käse: eitriger Hormon-Schimmel” und “dick wie ne Kuh? youtube: Milch”. Wer dem Link folgt, wird mit einer Tierrechtsdoku aus dem Jahr 2005 belohnt, die schreckliche Dinge wie Schlachthäuser, Tierversuchslabore und die Musik von Moby zu einer großen filmischen Anklage verbindet. Dieser Film unterscheidet sich von anderen gleicher Machart nicht nur dadurch, daß er die Grausamkeiten an Tieren besonders voyeuristisch zelebriert, sondern, daß er sie immer wieder mit dem Holocaust vergleicht. In Deutschland, wo man immer schon die Tiere mehr liebte als die Juden und sich heute nur dann an den Holocaust erinnert, um ihn mit anderen Dingen vergleichen zu können, genießt der Film gerade deswegen in Teilen der veganen Szene kultischen Status. Die Rhetorik des Antifaschismus wird dabei gelungen parodiert:

was werden wir eigentlich unseren kindern sagen, wenn sie uns fragen, was habt ihr gemacht, nachdem ihr earthlings gesehen habt? habt ihr weitergemacht oder seid ihr dagegen aufgestanden und habt andere menschen informiert?

Zweifelsohne: Vegetariertum ist eine gute Sache, Veganismus sogar eine sehr gute. Doch keine Sache kann so gut sein, daß sie nicht von deutscher Hand so lange mit Wahn, Haß und Verblendung durchdrungen wird, bis sie von der bösen nicht mehr zu unterscheiden ist. Ein besonders eifriger Earthlings-Aktivist, R. aus Frankfurt, führt auf Facebook öffentlich Tagebuch über seine Kreideinschriften: “dieses legendäre peta interview von moby hat mich damals zu dem entschluß gebracht: ich mache ein 365tägiges kreidetagebuch und erzähl ihm dann, wies war.” Seither dokumentiert R. täglich, wo er war, welche Botschaften er schuf und mit wem er gesprochen hat. Sein Messianismus führt ihn dabei immer wieder zu einer Sprache, die etwas Poetisches hat: “ich kreide auf der regenfeuchten berger straße. wenn das trocknet, leuchtet die kreide noch viel intensiver als sonst.” Der Einsatz ist gesamtkünstlerisch – R. will auf sein Tun angesprochen werden und dabei kleine, gut vorbereitete schauspielerische Einlagen aufführen:

halte ich auf interessierte nachfrage hin den klassischen milch-vortrag, inklusive detaillierter darlegung, warum milch zu osteoporose führt. dazu gehört eine kleine schauspielerische rollatoreinlage mit einem krächzenden „aber der arzt hat doch gesagt, milch sei so gut für die knochen“ - gefolgt von „und was sehen wir, wenn wir in die rollatorkörbe schauen? stapelweise milchprodukte. schon mal n rollator in japan gesehen? die konsumieren keine milchprodukte.

Weniger sein fanatisches Veganertum und seine besondere Faszination für Milch (“Möchtest du ein Glas Eiter zu deinen Keksen? Denn Kuhmilch ist nichts anderes. Sie mag zwar weiß sein, aber Forscher wissen, daß jedes Glas Milch somatische Zellen, sprich Eiter, enthält”), vielmehr die fetischhafte Fixierung auf das Medium der Mitteilung, die Kreide, macht dieses Tagebuch einzigartig. “tag der verköstigungen und gespräche mit religiösen menschen. tagespensum: zwei packungen kreide, wird da notiert, und: eissporthalle und skatepark sind die auserkorenen ziele. geht jeweils eine kreidepackung für drauf.” Sogar das alte Verb „kreiden“, heute nur mehr in der Zusammensetzung „ankreiden“ gebräuchlich, wird reaktiviert (“im sandweg kreide ich die begriffe fett, eiter, cholesterin, hormone in verschiedenen farben”), wodurch fast so etwas wie konkrete Lyrik entsteht: “zwei kreidepackungen in der innenstadt verkreidet.” Fast freut sich R., der sich gelegentlich als „kreidesüchtig“ bezeichnet, inniger über die Verbreitung des Mediums als die der Botschaft:

auf der berger begegnet mir ein ganz kleiner kreide-bewunderer. er legt sich auf den bauch in 50 cm abstand vor meinen schriftzug und schaut mir mit seinen riesigen kulleraugen beim schreiben zu. flugzeug legt er ab, nicht mehr so interessant. ich geb ihm ein kleines stück kreide und er zieht einen halbkreis um sich herum.

Dabei darf die Heiligkeit besagten Mediums nicht durch profane Botschaften entweiht werden, wie es etwa ein Jugendlicher tut, der sich von ihm Kreide leiht: “er malt ein herz mit ‘ficken’ drin. als das mädel rauskommt, packt er sie, sie kreischt und reißt sich los und er küßt sie auf den hintern. jetzt muß ich den pubertätskack wegwischen, wenn die botschaft ankommen soll.” Zärtliche Gefühle sind nämlich für die Kreide selbst reserviert: Ein Passant “fragt, ob ich ein baby bekomme und streichelt meinen bauch. unter der jacke ist die kreidebox. ‘was hast du da? ooh, kreide, darf ich eine haben?’ - was sind sie denn alle so kreide-geil, heute? er kreidet ‘hallo’ an die wand.”
Für Psychoanalytiker wäre es sicher interessant zu durchleuchten, wie die Abwehr der Mutter (Milch) und der Sexualität insgesamt („pubertätskack“) hier mit dem Bedürfnis einhergeht, spermatisch-weiße, „geile“ Spuren in der ganzen Stadt zu hinterlassen, noch dazu mit dem klassischen Werkzeug schulisch-institutioneller Disziplinierung, der Kreide. Zweifelsohne wird der Messianismus des Kreideaktivisten durch die kurze Haltbarkeit der Botschaft noch befeuert – letztlich ist es vergeblich, doch Zeugnis wurde abgelegt. Wäre es gesellschaftlich nicht stärker sanktioniert, er schriebe vielleicht auch mit dem eigenen Speichel.
Denn an wahrer Aufklärung ist er nicht interessiert; für die meisten Menschen, denen er begegnet, hat er nur Verachtung übrig. Er sieht sich umgeben von Krankheit und Gebrechen, von Dicken, Häßlichen, Alten, die letztlich alle an ihrem Elend selbst schuld sind, frönten sie doch dem Laster des Fleischverzehrs. Besonders vom Äußeren seiner Mitmenschen ist er angewidert, immer wieder vergleicht er sie mit Mastschweinen. Demgegenüber steht die eigene Schönheit. Der athletisch-schlanke, attraktive R. posiert auf zahlreichen Profilfotos, mitunter halbnackt; gern pflegt er das vegane Hobby, Bildersammlungen von besonders schönen Menschen anzulegen, die auch Veganer sind (“SEXY würde ich sagen … was meint ihr?”).
Es versteht sich, daß die eigene Manneskraft eine besonders pralle ist, wo man doch als Veganer “mehr testosteron besitzt. neulich grad wieder n bericht drüber gelesen. und auch die bild zitiert die harvard university, wonach kuhmilch sehr schlecht für die potenz sei”; zwingend schießt es auch weiter oben nur so hervor: “ich muß mal das haupthaar ausdünnen… is schon wieder zu viel geworden… vegan halt.”
Für die Leute, die nicht in dieser Gemeinschaft hypersexueller veganer Übermenschen unterwegs sind, sondern der Sünde nachhängen („frevelhafte begierde“), findet er wenig Mitgefühl und noch weniger moralische Hemmungen. Immer wieder rühmt er sich seiner Schläue im Gespräch mit Passanten – er will nicht überzeugen, er will überlisten.

kommen zwei zwölfjährige an und fragen was earthlings sei. “ein film, aber schaut ihn euch bitte nicht an. wenn, dann nur mit euren eltern.” das ist immer die initialzündung bei jugendlichen, die das interesse um tausend prozent ansteigen läßt. wenn sie den trick nicht durchschauen.

Die Vergeblichkeit des Tuns und die Vergänglichkeit des Mediums sind das eine. Sein Handeln ist zweitens streng rechtsstaatlich, er tut nichts Illegales und ist stolz darauf. Andererseits weiß er, daß der Heilige gegenüber einer sündig-verworfenen Umwelt nicht unmoralisch handeln kann, und verleitet daher bewußt Kinder dazu, sich einen Film anzusehen, von dem er weiß, daß er sie traumatisieren wird. Monastisches Denken, das die allumfassende Niedertracht der schlechten Welt durch private Askese besiegen will, und Erwähltheitsphantasien, die sich in einer wunderbaren Erneuerung und Verschönerung des sterblichen Leibs vergewissern, durchbricht rohes Gewaltbedürfnis:

am eschenheimer tor lauf ich an einer dreiergruppe vorbei, zwei frauen, ein mann. dabei schüttel ich die kreidestücke in der hand, weil mir kalt ist. sagt die eine “immer diese bettler.” - ich öffne die hand “ehm, das sind kreidestücke.” - kommt der typ auf mich zu, so ganz ekelhaft nah und meint “geh mal weiter.” - ich muß sofort an den kleinen taxifahrer denken, der mir erzählte, wie er mit einem gezielten schlag die kehlköpfe seiner gegenüber zertrümmerte. man könnte die hände heben, wie einer der aufgibt und wäre dann schon in der nähe des kehlkopfes… aber ich verwerf den gedanken und dreh um, der klügere gibt nach.

Allein schon die körperliche Nähe der Ungläubigen wird als ekelhaft empfunden, im Gegensatz zu der geilen Kreide, die beschützt werden muß – notfalls mit einer Gewalt, derer er sich einerseits vollkommen fähig glaubt, die er andererseits als juristisch konsequenzfrei imaginiert (wie seltsam für jemanden, der sich unbedingt der Sachbeschädigung unschuldig wissen möchte); eine Gewalt, die natürlich in keinem Verhältnis steht zu der Bitte, sich doch einfach zu entfernen. Sein eigenes Maß zur Verhältnismäßigkeit von Gewalt hat er nämlich schon gefunden: “ich stelle mir vor, dass kz-überlebende earthlings gucken und sich dann ‘uns ging es da ja vergleichsweise noch ganz gut’ denken.”
Es wäre schön zu wissen, daß es sich hier um einen Einzelfall handelt, doch findet man mit wenig Mühe ebensolche, die auch dem Kult der Kreide frönen. Man kann diesem Aktivismus vieles zugute halten: Er macht den Behörden wenig Mühe, niemand kommt deswegen zu spät zur Arbeit, und manch einen wird er wohl tatsächlich zum Nachdenken über Sinn und Unsinn des Fleischverzehrs bringen. Wer aber kleinen Kindern Horrorvideos zeigt, KZ-Überlebende als Weicheier verhöhnt und bei Widerspruch als erstes an Gewalt denkt, der ist einfach nur ein Scheusal, den in der Hauptsache sein Menschenhaß umtreibt und nicht ein höheres Ideal. Man könnte froh sein, daß sich seine Bösartigkeit in vergänglichen Kreidebotschaften erschöpft – und doch stimmt die Sache eher traurig. Erscheint sein ganzes Tun doch als Karikatur der postmodernen Linken: radikale Vereinzelung, quasireligiös motivierte Selbstbeschränkung in der Wahl von Mitteln und Zielen, Pflege des guten Gewissens statt der guten Sache. Immerhin: Tiere kamen bei den Aufnahmen nicht zu Schaden.

Leo Fischer - In der Kreide / Konkret, Nr. 3 2014